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Pressemitteilung: 27.09.2012 10:38
Themenbereich:  [Kultur]  [Veranstaltungen] 

Der 2. Oktober 1922 – Julius Perathoner und der Marsch auf Bozen

Julius Perthoner (Bild: , 170 Kilobyte, 564 x 894 pixel)

Julius Perthoner

 
Erstmals offizielle Gedenkveranstaltung (11.30 Uhr) und Informationsvormittag für Oberschulen (9 bis 10.30 Uhr)

Bürgermeister Luigi Spagnolli hat es bereits angekündigt: Er legt Wert darauf, an den 2. Oktober 1922 zu erinnern. Vor 90 Jahren haben faschistische Milizen in Bozen gewaltsam die Macht ergriffen. Damit ging eine Ära zu Ende, die ganz im Zeichen des liberalen und innovativen Bürgermeisters Julius Perathoner gestanden hatte.

Erstmals wird heuer mit einer offiziellen Gedenkfeier an diese Ereignisse erinnert. Die Passage im Ammon-Haus (Piavestraße-Rathausplatz wird nach Julius Perathoner (11.30 Uhr) benannt, im Rathaus wird eine Gedenktafel angebracht, die an die Gewaltereignisse des "Marsches auf Bozen" erinnert (12 Uhr), und zwischen 9 und 10.30 Uhr gibt es für Oberschulen die Möglichkeit, sich im Festsaal des Rathauses im Rahmen eines Informationsvormittages über die Ära Perathoner und die historischen Ereignisse damals zu informieren.

Der "Marsch auf Bozen" vom 1. und 2. Oktober 1922 gipfelte in der Besetzung des Rathauses - die daraufhin von der Regierung erzwungene Demission des demokratisch gewählten Langzeitbürgermeisters Dr. Julius Perathoner (1895-1922) und des Gemeinderats bedeutete auch den Beginn der autoritären faschistischen Diktatur. Die Veranstaltung gedenkt der dramatischen Ereignisse von damals, denen als Vorgriff auf Mussolinis Staatsstreich vom 28. Oktober ("Marsch auf Rom") überregionale historische Bedeutung zukommen.

Informationsvormittag für OberschülerInnen im Festsaal des Rathauses am 2. Oktober 2012 von 9 bis 10.30 Uhr veranstaltet vom Assessorat für Kultur und aktives Zusammenleben und dem Stadtrachiv mit: Bürgermeister Luigi Spagnolli, Vizebürgermeister Klaus Ladinser, Stadträtin Patrizia Trincanato und den Histroikern Stefan Lechner, Hannes Obermair, Alessandra Spada
Programm:
Hannes Obermair: Die Amtszeit von Bürgermeister Julius Perathoner - eine Ära?
Alessandra Spada: Pecori-Giraldi, Credaro e Tolomei: lo stato italiano tra liberalismo, nazionalismo e fascismo
Stefan Lechner: Der "Marsch auf Bozen" und der Sturz Perathoners 1922 - Ereignisse und Bilanz

INFORMATIONEN


Chronologie der faschistischen Besetzung des Bozner Rathauses am 2. Oktober 1922 ("Marsch auf Bozen")
22. Jänner 1922: freie und demokratische Wahl des Gemeinderates von Bozen

14. Juni 1922: mit königlichem Dekret wird die Wahl von Dr. Julius Perathoner zum Bürgermeister, von Dr. Paul Christanell zum Vizebürgermeister sowie des Gemeinderats bestätigt

29. September 1922: Telegramm des Zivilkommissärs, womit die Bestätigungen vom 14. Juni auf gesetzwidrige Weise widerrufen wurden

1. und 2. Oktober 1922: "Marsch auf Bozen" - faschistische Milizen (ca. 3000 aus ganz Oberitalien) besetzen auf Anordnung Mussolinis und unter Führung von Achille Starace, Francesco Giunta, Roberto Farinacci und Alberto De Stefani, ohne von der Polizei daran gehindert zu werden, die "Elisabethschule" in der Sparkassenstraße und benennen sie in "Scuola Regina Elena" um

2. Oktober 1922: die faschistischen Squadristen besetzen das Bozner Rathaus, hängen ihre Fahnen und Standarten an den Balkon des Ratssaales (mit Ansprache von De Stefani) und fordern den Rücktritt von Gemeinderat und Bürgermeister

3. Oktober 1922: die Regierung Facta entzieht dem am Sitz der Handelskammer unter den Lauben versammelten Bürgermeister, Vizebürgermeister und Gemeinderat die Legitimation, woraufhin diese geschlossen demissionieren. Gemeinderat Alois Told verliest die Abschiedsrede des abwesenden Julius Perathoner, welche dieser noch am 2. Oktober aufgesetzt hatte ("Wenn nicht alle Anzeichen trügen, geht die deutsche Bevölkerung von Bozen sehr trüben Zeiten entgegen").

4. Oktober 1922: Augusto Guerriero wird zum Regierungskommissär ernannt und übernimmt auch die Bozner Stadtverwaltung (bis zum 22. Februar 1923)

5. Oktober 1922: Generalzivilkommissär Luigi Credaro demissioniert

28. Oktober 1922: "Marsch auf Rom" - offizielle Machtergreifung der Faschistischen Partei in Italien (Mussolini wird von König Viktor Emanuel III. am 30. Oktober mit der Regierungsbildung beauftragt) und endgültige Auflösung der letzten Reste des liberalen italienischen Staates


Schreiben Dr. Julius Perathoners an den Bozner Gemeinderat, 3. Oktober 1922

[Beilage zum 12. Protokoll vom 3. Okt. 1922 / Seite 78]

Geehrter Gemeinderat!

Als mich der geehrte Gemeinderat am 27. Jänner d[iese]s J[ahre]s zum zehnten Male zum Bürgermeister meiner Vaterstadt wählte, wurden von mancher Seite Zweifel geäussert, ob die königliche Regierung angesichts des Eifers, mit welchem ich die nationalen und kulturellen Interessen der deutschen Bewölkerung von Bozen zu wahren und zu verteidigen bestrebt gewesen war, die k[öni]gl[iche] Bestätigung meiner Wahl zu erwirken bereit sein werde.
Die Regierung fand aber in meiner politischen Haltung und Gesinnung kein Hindernis, dem Könige anfangs Juni dieses Jahres das Bestätigungsdekret zur Unterzeichnung vorzulegen.
Am 14. Juni ds. Js. erschien das Bestätigungsdekret in der Gazzetta ufficiale und trat am gleichen Tage in Wirksamkeit, wie im Dekrete ausdrücklich betont wurde. Ich war also von diesem Tage an nach Vorschrift des Gemeindestatuts neuerdings rechtskräftig erwählter und bestätigter Bürgermeister dieser Stadt.
Am 29. September ds. Js. wurde ich durch die telegraphische Mitteilung des Generalkommissariats überrascht, daß der König am genannten Tage ein Dekret unterzeichnet habe, durch Welches das Bestätigungsdekret widerrufen und meiner Wahl die Genehmigung versagt werde.
Entgegen der klaren Vorschrift des Gemeindestatuts, gemäss welcher jeder Bürgermeister sein Amt solange fortzuführen hat, bis der neue Bürgermeister gewählt und vom König bestätigt ist, erhielt ich heute vom Generalkommissariate die bestimmte Weisung, sofort die Geschäfte dem Herrn Vizebürgermeister zu übergeben.
Dies ist der Grund, warum ich mich nicht persönlich vom geehrten Gemeinderate verabschieden kann und bitten muss, meine Abschiedsworte auf schriftlichem Wege an ihn richten zu dürfen.

Geehrter Gemeinderat! So sehr ich mein Gewissen erforsche, ob ich in der Zeit vom 14. Juni bis 29. September ds. Js. durch irgend eine Handlung oder Unterlassung mich gegen meine beschworenen Pflichten verfehlt oder verletzt habe, ich vermag nichts zu finden, was ich mir in dieser Beziehung zum Vorwurfe machen könnte. Ich glaube daher, daß die kgl. Regierung sich nur durch höhere Rücksichten veranlasst sah, meine Person auf einem nicht ganz gewöhnlichen Wege zu opfern. Diese höhere Rücksicht mag der Wunsch und die Hoffnung gewesen sein, unsere Stadt vor gewalttätigen Angriffen der Fascisten, die einen Staat im Staate Italien bilden und deren Machtmittel nach den Erfahrungen des letzten Jahres grösser zu sein scheinen als die der kgl. Regierung, durch Erfüllung eines ihrer Lieblingswünsche zu bewahren. Daß diese Hoffnung auf Seite der Regierung vorhanden war, wird durch die Ereignisse der letzten Tage, an welchen die Fascisten in großer Anzahl, reichlich verstärkt durch Zuzug aus dem Süden, das schönste unserer Schulhäuser gewaltsam besetzten, nicht widerlegt. Ich mag vielmehr das Gelingen dieses unerhörten Gewaltaktes, der die Ehre und das Ansehen des italienischen Staates, welchem die Stadt Bozen durch den Friedensvertrag angegliedert worden ist, schwer beeinträchtigt, nur der mangelnden Voraussicht der verantwortlichen Behörden zuzuschreiben, die umso bedauerlicher ist, als sie es nicht unterließ, sie wiederholt auf die große Gefahr, welche dem Schulhause in der Sparkassestraße drohte, aufmerksam zu machen.

Ich gehöre dem Gemeinderate der Stadt Bozen seit 30 Jahren an. Seit nahezu 28 Jahren leite ich als freigewähltes Oberhaupt der Stadt die Geschäfte der Gemeindeververwaltung. Es erfüllt mich mit Stolz und Freude, in dieser langen Zeit, welche wohl nicht mit Unrecht mitunter als eine Zeit der Renaissance der Stadt Bozen bezeichnet wurde, durch meine Arbeit meinen Teil zum Emporblühen meiner schönen Vaterstadt beigetragen zu haben.
Ich danke den Erfolg meiner Tätigkeit in erster Linie der treuen Mitarbeit meines verehrten Freundes, des Herrn Vizebürgermeister Paul Christanell und der Mitwirkung des ganzen Gemeinderates, welcher sich stets bereitwillig meiner Führung anvertraute und aus dessen Mitte so viele wertvolle Anregungen und Anträge gekommen sind.

Ich spreche dem geehrten Gemeinderate und insbesondere dem Herrn Vizebürgermeister für die treue Mitarbeit meinen herzlichsten Dank aus.
Mein Dank gilt aber auch dem gesamten Beamtenkörper, welcher durch seine Pflichttreue und Anhänglichkeit mit mein Wirken erleichterte. Ich danke aber auch aus ganzem Herzen meinen Mitbürgern, welche mir fast durch ein Menschenalter so viel Liebe und Vertrauen entgegen gebracht haben!
Es war meine Absicht, meinen Mitbürgern zu dienen, solange meine Kräfte dies gestatten würden. Höhere Mächte fielen mir in den Arm: Ich muss vom Schauplatze meiner langjährigen Tätigkeit weichen und dem öffentlichen Leben entsagen.

Geehrter Gemeinderat! Wenn nicht alle Anzeichen trügen, geht die deutsche Bevölkerung der Stadt Bozen sehr trüben Zeiten entgegen. Die Angriffe, nicht nur der nationalistischen Parteien, sondern auch der Regierung auf unsere kulturellen Interessen, auf unsere Autonomie und auf den Gebrauch der deutschen Sprache mehren sich fast systematisch von Monat zu Monat.
Die vielen Versprechungen und Versicherungen, die uns seit dem Friedensschlusse in Bezug auf den Schutz unseres Volkstums gemacht wurden, scheinen heute vergessen zu sein. Ich bitte aber meine deutschen Mitbürger den Mut nicht sinken zu lassen und das Vertrauen auf eine bessere Zukunft sich zu bewahren.

Ich schliesse mit der Bitte an den geehrten Gemeinderat, mir ein treues Andenken zu bewahren und mit dem innigen Wunsche, daß es der Stadt Bozen gegönnt sein möge, diese schwierigen Zeiten glücklich zu überstehen und einer glücklichen segensreichen Zukunft entgegen zu gehen.
Das walte Gott!

Bozen, am 2. Oktober 1922.

(rm)

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