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Pressemitteilung: 10.11.2011 18:43
Themenbereich:  [Kultur] 

Bozen gedenkt der Reichspogromnacht von 1938

Das Handexemplar des faschistischen Diskriminerungsdekrets vom 17. November 1938 (Stadtarchiv Bozen, Fonds “Rassemaßnahmen”) (Bild: , 604 Kilobyte, 2359 x 1796 pixel)

Das Handexemplar des faschistischen Diskriminerungsdekrets vom 17. November 1938 (Stadtarchiv Bozen, Fonds “Rassemaßnahmen”)

 
Ein Aktenbestand, der vor kurzem dem Bozner Stadtarchiv übergeben wurde und zur Zeit erschlossen wird, zeigt das enge Zusammenwirken der zwei Diktaturen auf lokaler Ebene auf.

Ein Aktenbestand, der vor kurzem dem Bozner Stadtarchiv übergeben wurde und zur Zeit erschlossen wird, zeigt das enge Zusammenwirken der zwei Diktaturen auf lokaler Ebene auf.

Auch die Stadt Bozen gedenkt der Schrecken der nationalsozialistischen "Reichspogromnacht" vom 10. November 1938 und der zahllosen antijüdischen Gewaltmaßnahmen an jenem und an den folgenden Tagen.

Erst kürzlich ist, dank der Bemühungen des Bozner Stadtarchivs, ein wenig umfänglicher Aktenbestand aus den Jahren 1939-1942 aufgetaucht, der auch für Bozen die strikte Befolgung der rassistischen Diskriminierungspolitik unter dem italienischen Faschismus dokumentiert. Seit dem berüchtigten "Manifesto della razza" vom Juli 1938 wurde der Antisemitismus auch im faschistischen Italien zur systematischen Ausgrenzugs- und Verfolgungspraxis gesteigert. Besonders das königliche Dekret vom 17. November 1938 ("Provvedimenti per la razza italiana") trug die Entrechtung zahlloser italienischer StaatsbürgerInnen auch auf die Ebene der Kommunalpolitik.

Wie die Bozner Akten eindrucksvoll zeigen, hat eine unmenschliche Bürokratie auch hier Menschen aufgrund rein askriptiver und kontingenter Merkmale (religiöse Überzeugung, Verwandtschaft, sexuelle Orientierung, Sprache und Herkunft) in ihren Grundrechten massiv diskriminiert und biografisch beschädigt.

Die Schreibtischtäter haben vielfach in bedingungsloser Erfüllung der staatlichen Vorgaben Menschen in Listen erfasst und sie nach und nach ihrer Grundrechte beraubt, so etwa durch schikanöse Heirats- und Berufsverbote, durch den stigmatisierenden Schulausschluss von Kindern und Jugendlichen und schließlich durch die Aberkennung der Staatsbürgerschaft.

Dies zeigt, wie sehr die beiden Diktaturen Italiens und Deutschlands kollaborierten, als es um die Anwendung biopolitischer Zwangsmaßnahmen ging, die dem Geist des Rassenwahns entstammten.

Die Faschisten haben den Nationalsozialisten aktiv entgegengearbeitet. Als die deutschen Häscher bald nach dem 8. September 1943 mit den Deportationen aus Italien begannen, konnten sie sich auf die von den faschistischen Behörden erstellten Namenslisten stützen und dank der "Repubblica di Salò" mit bereitwilliger Unterstützung der radikalisierten Entrechtung, Verfolgung und Ermordung rechnen.

Das NS-Lager von Bozen war ein Teil dieser Unrechtspolitik, deren historischer Aufarbeitung sich das Stadtarchiv bereits intensiv gewidmet hat.

Das Stadtarchiv will die brisanten Akten so rasch als möglich unter Leitung des Historikers Hannes Obermair wissenschaftlich aufarbeiten und damit einen aktiven Beitrag der Stadt Bozen zur Täter- und Opferforschung leisten.

 

(rm)
 
Kommunaler Aktenumschlag von 1939 (Stadtarchiv Bozen, Fonds “Rassemaßnahmen (Bild: , 1,106 Kilobyte, 2057 x 2747 pixel)

Kommunaler Aktenumschlag von 1939 (Stadtarchiv Bozen, Fonds “Rassemaßnahmen

Telegramm des Präfekten Guglielmo Froggio vom 24. Juni 1942 zwecks Erfassung der “Israeliten” in Südtiroler Gemeinden (Stadtarchiv Bozen, Fonds  (Bild: , 739 Kilobyte, 2455 x 1806 pixel)

Telegramm des Präfekten Guglielmo Froggio vom 24. Juni 1942 zwecks Erfassung der “Israeliten” in Südtiroler Gemeinden (Stadtarchiv Bozen, Fonds

 
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