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Eine Toponomastik mit Maß und Ziel

EDITORIAL Eine Toponomastik mit Maß und Ziel (Toponimi e buonsenso)
Aus: Cultura Atesina/Kultur des Etschlandes 8 (1954), S. 1-2  (übersetzt)

Zu den Grundvoraussetzungen zukunftsfähiger Forschung gehören die fruchtbare Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und der vorurteilsfreie Informationsaustausch ihrer Ergebnisse. Ein solcher Dialog setzt aber voraus, dass ein gewisser Konsens über einige Grundsätze und Anschauungen besteht.
Betrachten wir näherhin die Situation unserer Region: Setzt hier der wissenschaftliche Austausch insbesondere im historischen und kunsthistorischen Bereich von sich aus bereits die gute Kenntnis von zwei Sprachen und die Vertrautheit mit zwei Kulturräumen voraus, so ist seit einigen Jahrzehnten ein weiteres Hindernis hinzugetreten, das das gegenseitige Verständnis von deutsch- und italienischsprachiger Forschung erschwert und belastet. Ich meine hier die in Südtirol herrschende Namenregelung (Toponomastik), die sich als besonders unübersichtlich und widersprüchlich erweist. In der Tat wurde unter pseudowissenschaftlichen Vorzeichen eine Übersetzung der autochthonen Namenlandschaft Südtirols von Kräften ins Werk gesetzt, die nicht der Sphäre der Kultur angehören können, sich aber als ideologisch inspirierte politische Akteure zu erkennen geben. Ihrer Scheinlogik einer angeblichen Rückführung auf die Ursprünge verdanken wir völlig widersinnige Übersetzungen von Toponymen sowie die haarsträubende Praxis der Neuerfindung von Namen, ob nun von Städten, Dörfern, Burgen, Gebäuden, Höfen oder Fluren. Einmal abgesehen von der Lächerlichkeit solcher Bestrebungen sowohl in Hinblick auf deren Erfinder wie auch auf deren allzu willige Benutzer, hat sich der Vorgang als kontraproduktiv im Felde der Toponomastik selbst erwiesen. Denn in der erdrückenden Masse an erfundenen lateinischen oder italienischen Namen gehen die nicht wenigen authentischen Namen romanischen Ursprungs gleichsam in einem Meer der Falschheit unter und verlieren selbst ihre Bedeutung für die Menschen unseres Landes. Viele werden eigentlich nur dazu gebracht, die gesamte italienische Namengebung des Landes als Totalfälschung abzulehnen, indem sie gewissermaßen das Kind mit dem Bade ausschütten.
Manch einer hat wohl in seiner Euphorie geglaubt, man könne in Südtirol neue Namen mit denselben autoritären Mitteln verordnen, wie dies totalitäre Regierungen in vergangenen Zeiten mit den Namen von Juden machten. Dies ist eine durch und durch abzulehnende Haltung. Dass dies jedoch von der Masse der Südtiroler Bevölkerung auch in Zeiten der Demokratie widerspruchslos hingenommen werden würde, wäre wohl nur möglich gewesen, wenn man die gesamte deutschsprachige Bevölkerung ausgesiedelt hätte. Dies lehnen wir jedoch völlig ab und halten es auch nicht für praktikabel.
Ortsnamen dürfen niemals künstlich abgeändert werden; sie selbst haben sich ja im Laufe der Jahrhunderte in natürlicher Weise veränderten sprachlichen Bedingungen angepasst und sind damit historisch gewachsen. Selbst wenn man in Einzelfällen mit vereinfachten Schreibweisen oder mittels Rückgriff auf ältere Formen den Bedürfnissen jener Italiener entgegenkommen könnte, die mit der deutschen Sprache und Aussprache nicht vertraut sind, ist daraus keineswegs ein Zwang zu generellen Anpassungen oder Modifikationen abzuleiten.
Es ist für uns nicht nachvollziehbar, weshalb etwa ein so unverwechselbarer und charakteristischer Name wie Blumau mit einem mehr als banalen Prato Tires (und zuvor: Prato Isarco) übersetzt werden musste - der ursprüngliche Name ist wohl kaum schwieriger als etwa die altbekannten Iglesias, Terzolas, Gennargentu, Coneglians oder Sauris, um nur einige Beispiele zu nennen. Das Gleiche gilt für Namen wie Gossensass (jetzt Colle Isarco), Prad (jetzt Prato Stelvio), Picolein (jetzt Piccolino) und viele andere mehr.
Wo sich jedoch der Widersinn geradezu ins Groteske gesteigert hat, ist der Bereich der Burgen- und Gebäudenamen. Ein besonders sinnfälliges Beispiel ist Castel Flavon bei Bozen, ein Name, der inzwischen den Boznern auf Grund ihrer Sonntagsausflüge wohl schon bestens vertraut ist. Die Burg wurde im frühen 13. Jahrhundert von den aus dem heutigen Bozner Stadtteil Haslach (auf italienisch: Aslago) stammenden Herren von Haslach als Has(e)lburg errichtet und müsste daher, möchten wir wirklich einen italienischen Namen verwenden, wennschon als castello di Aslago bezeichnet werden. Die neuen Namengeber fanden jedoch heraus, dass die Haselburg um 1250 herum für wenige Jahre den Grafen von Flavon gehört hatte, die im Übrigen hier niemals gewohnt und die Burg nach kurzer Zeit an das Geschlecht der Haselberger wieder zurückgestellt haben. Doch das erwähnte Spurenelement genügte den Obskuranten für ihre neue Namensgebung, so dass die Burg heute nach einem Dorf im Trentino benannt ist, wo ehemals eine gleichnamige Burg bestanden hatte.
Der Burg Reineck im Sarntal wurde der Name Castel Regino (sic!) aufgenötigt. Als man die Lächerlichkeit des Namens gewahrte, wollte man, soweit ich weiß, ohne Rücksprache mit den Burgeigentümern, den Grafen Vergerio, und gegen ihren Willen, den Familien- als Burgnamen durchsetzen, was glücklicherweise nicht gelang. Noch ärger ist die Lage bei jenen vielen Burgen, deren italienische Namen nur auf dem Papier geblieben sind (Castel del Gatto = Katzenstein, Casanova della Contessa = Neuhaus, Castel Lodron = Freudenstein, Castel Badìa = Zwingenstein, Castel Maggio = Mayenburg usf.).
Wir könnten unzählige weitere solcher Beispiele anführen, aber wir glauben, dass die Aussage klar ist: Wir sollten endlich, auch von offizieller Seite, diesem Widersinn ein Ende setzen und eine tiefgreifende Revision des Istzustandes vornehmen, die sich von den Abstrusitäten der geltenden Regelung deutlich absetzt und auf Besonnenheit, Maß und dem gesunden Hausverstand beruht. Und es würde gewiss nicht schaden und dem allgemeinen Gebrauchswert sehr dienlich sein, wenn eine solche Geisteshaltung auch in die künftigen Auflagen der im Übrigen hervorragenden Wanderkarten und -führer des Touring Club Italiano einfließen würde, ganz zu schweigen von den italienischen Militärkarten im Maßstab 1:25000.
Wir selbst haben uns bisher an folgende Regel gehalten, die wir auch in Zukunft beachten wollen: Den von uns in italienischsprachigen Publikationen verwendeten italienischen Namen für Ortschaften fügen wir den deutschen Namen in Klammern hinzu, sofern diese wenig bekannt sind. Jedoch werden wir die Namen von Burgen, Ansitzen, Häusern und Höfen, von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen, ausschließlich in ihrer ursprünglichen deutschen Form, die seit Jahrhunderten eingeführt ist und von ihrem ständigen Gebrauch zusätzlich legitimiert wird, verwenden. Wir glauben nämlich, nur auf diese Weise zu der nötigen Verständigung zwischen uns und den deutschsprachigen Forschern zu kommen. 

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