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Bozen: Stadt der 2 Diktaturen – Herausforderung und Chance

Das Monumentalrelief "Triumph des Faschismus" am heutigen Finanzamt in Bozen, Aufnahme um 1960 (Bild: jpg, 372 Kilobyte, 1716 x 1214 pixel)

 

Bozen war im 20. Jahrhundert, zumindest in der ersten Hälfte des "kurzen" Saeculums bzw. "Zeitalters der Extreme" (Eric Hobsbawm), auch eine Stadt der Diktatur, um genauer zu sein: von zwei Diktaturen.
Es kam in Europa nicht oft vor, dass ein und dieselbe Stadt (und Region) sowohl den italienischen wie den deutschen Faschismus erdulden und damit totalitäre Herrschaftsformen in ihren am stärksten odiösen Ausprägungen erfahren musste.
Auf die faschistische Herrschaft 1922-43 folgten zwei Jahre NS-Okkupation. Beide Regimes haben der Zivilgesellschaft des Landes und der Stadt Bozen tiefe Wunden geschlagen und ihre unübersehbaren Zeichen hinterlassen.
"Bozen als Stadt der zwei Diktaturen" ist eine historische Lesart, die ein wahrlich unbequemes Erbe zur Sprache bringen will und zugleich auch nachdrücklich die erheblichen Chancen demokratie- und erinnerungspolitisch wichtiger Aufarbeitung produktiv nutzen möchte. Für die Öffentlichkeit, für Schulen und Forschung, für Alteingesessene und neu zugezogene MigrantInnen ist es wichtig zu erfahren, welche Geschichtsbilder diese Stadt transportiert und wie sie angemessen zur Sprache gebracht werden können.
Der italienische Faschismus ist in seinem grandiosen Bauprogramm sichtbar, das das Neue Großbozen imperialer Prägung bestimmte. Wenngleich etwa den bühnenhaften Corsi, dem monumentalen Armeekomando am 4.-November-Platz, dem Siegesdenkmal und seinem Platzkontext sowie dem Mussolini-Relief am Gerichtsplatz der Unrechtscharakter des Regimes bis heute ablesbar eingeschrieben bleibt, bestechen zugleich auch zahlreiche Raumlösungen und Bauleistungen - man denke an den Sitz der EURAC (ein herausragendes Beispiel positiver Neucodierung belasteter Architektur) - durch ihre architektonisch bemerkenswerten Formen.
Besonders ambivalent ist die weniger sichtbare Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus, von dessen Polizeilichem Durchgangslager gerade noch die Umfassungsmauer erhalten ist. Aber man sollte auch wissen, dass sich etwa die Gestapozentrale im Armeekomando befand und hier ihren Terror entfaltete, dass die Umsiedlungskommissionen für die sog. Option im ehemaligen Hotel Bristol wirkten und dass die Zwangsarbeit für den Krieg im Virgltunnel erfolgte.
Es ist eine faszinierende historische Aufgabe wie auch eine erinnerungspolitische Pflicht, die Spuren der beiden Regimes dauerhaft und überzeugend sichtbar zu machen. Historische Forschung und didaktische Überlegungen müssen Hand in Hand gehen, um zu einem überzeugenden Umgang mit Bozens totalitärer Vergangenheit zu gelangen. Das Missing link wäre eine kleines, aber feines Doku-Zentrum, das diese Dinge auf überzeugende Weise erzählt und etwa im Park, auf den das Siegesdenkmal seine Schatten wirft, errichtet werden könnte. Städte wie Linz, Nürnberg und Berlin ("Topographie des Terrors") haben vorgemacht, wie es geht.
Das Bemühen des Stadtarchivs Bozen war schon bisher auf die Dokumentation der Geschehnisse rund um das NS-Lager gerichtet und hat sich in den letzten Jahren verstärkt auch der Aufarbeitung der faschistischen Diktatur zugewandt. Mittels Tagungen und Veranstaltungen konnte eine Reihe hervorragender HistorikerInnen in diese Geschichtsarbeit eingebunden werden, so dass deren hohe Expertise in die gedächtnispolitischen Anstrengungen einfließen wird können.
Bozen also als Stadt der Geschichte, die sich seinen glücklichen Zeitabschnitten wie seinen zivilgesellschaftlichen Katastrophen mit gleicher Intensität zuwendet. Nicht um zurückzublicken, sondern um mit demokratischer Gelassenheit die Gegenwart zu gestalten.
Ziel der Bemühungen sollte darum sein, über die Anerkennung einer von Bellizität und Nationalismen bestimmten Vergangenheit zu einer positiven Geschichtskultur der Verständigung zu gelangen. Eine "Vergangenheit, die nicht vergehen will" und deren Monumente uns daran erinnern, kann nur durch schonungslose Historisierung, umfassende Erklärung und symbolische Recodierung die Pfade selbstverschuldeter Unmündigkeit verlassen.


Hannes Obermair, 21. 05. 2010

 

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