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Hs. 140: Bozens "Stadtbuch" - das kommunale Amts- und Privilegienbuch von 1472-1525

Hs. 140 (Stadtbuch), fol. 76': Privileg Rudolfs IV. von Österreich für die Stadt Bozen von 1363 Sept. 29 (vidim. Kopie saec. XV/2) (Bild: jpg, 3,256 Kilobyte, 3594 x 4629 pixel)

 

Schriftlichkeit in der Stadt am Beispiel von Bozen

von Hannes Obermair


Entwickeltes Schriftwesen war auch in Bozen Teil des "modernen" Verwaltungsstils und der avancierten Verwaltungstechnik der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Stadt. Schriftgebundene Verwaltungstätigkeit sicherte dem Rat eine bessere Kontrolle über den Hoheitsbereich der Territorialstadt.
Schriftgebrauch wie Rechnungswesen gehörten auch zu den intellektuellen Fertigkeiten der kaufmännischen Oberschicht. Die "Professionalisierung" von Schriftlichkeit erfolgte demnach auf einem doppelten ökonomisch-kaufmännischen sowie kommunal-herrschaftspolitischen Hintergrund. Das Phänomen einer sprunghaft zunehmenden Schriftlichkeit lässt das 15. Jahrhundert als frühes Informationszeitalter erscheinen, das mit erheblichen Innovationen im technischen (Buchdruck) und formalen Bereich (Serialität) einhergeht. "Texte" werden in ihrer Funktion als Wissensspeicher zusehends reproduzierbar.
Die spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Überlieferungssituation in Bozen ist von einer hervorragenden Dichte an Textsorten gekennzeichnet. Unter den Quellen ragen die seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert fast lückenlos überlieferten Ratsprotokolle hervor. Ihre mit 1469 einsetzende Überlieferung weist auffallende zeitliche Parallelen mit der Erwerbung des Stadtgerichts Bozen durch den Tiroler Landesfürsten Herzog Sigmund (1462) und dem politischen Ausgleich mit Bischof Johannes Hinderbach von Trient (1468) auf. Auch die Einführung des Stadtbuchs in den frühen siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts fand nahezu synchron mit der übrigen administrativen Schriftgutüberlieferung "seriellen" Typs statt (neben den Ratsprotokollen 1469ff. noch die Amtsrechnungen 1465ff. und die Kirchpropstrechnungen 1470ff., parallel dazu die gerichtlichen Verfachbücher 1495ff.). Die stärker sichtbar werdende Ausgestaltung der kommunalen Selbstverwaltung in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts beruhen demnach nicht nur auf Überlieferungszufall, sondern haben tieferliegende Gründe, die im politischen Hintergrund zu sehen sind.
Darüber hinaus reflektiert die rasche Zunahme des Verwaltungsschriftguts die stärkere Verrechtlichung der kommunalen Entwicklung vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Wandels größeren Ausmaßes. Die neue Verschriftlichungspraxis in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ging aus einem erneuerten Kontext gesellschaftlicher Entwicklung hervor und ist daher in ihrer ganzen Struktur von soziokulturellen und herrschaftlichen Faktoren wesentlich geprägt. Ebenso ist sie Ausdruck einer neuartigen Kommunikation, die ähnlich den überseeischen Entdeckungen und den technischen Umwälzungen der Zeit um 1500 wesentlicher Baustein der frühmodernen Staatlichkeit war und analog der äußeren Expansion des europäischen Modells eine erhebliche Erweiterung der Grenzen nach innen bedeutete.

Das Bozner Stadtbuch (Amts- und Privilegienbuch) ist ein eindrucksvolles Zeugnis des kommunalen Verfassungsrechts. Der Kodex wird unter den Beständen des Stadtarchivs Bozen verwahrt und eröffnet als Hs. 140 die Reihe der vom späten 15. bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert geführten städtischen Kopialbücher. Die Eintragungen von wechselnden Händen wurden 1472 unter Bürgermeister Konrad Lerhuber begonnen und enden bezeichnender Weise mit einem Amtsrechnungsabschluss von 1525, dem Jahr der Bauernrevolte in Tirol. Der Großfolioband umfasst 211 Blätter und ist in braunes Leder gebunden.
Die Sammelhandschrift enthält neben Privilegienkopien Jahresschlußrechnungen der Bürgermeister und städtischer Ämter und ist das einzige vor 1550 zurückgehende erhaltene Kopialbuch der Stadt. Drei Gruppen von Eintragungen lassen sich unterscheiden:
1) Privilegien, die die Stadt von der Mitte des 14. bis ins frühe 16. Jahrhundert von den tirolischen Landesfürsten erhalten hat;
2) Satzungen und Rechtsordnungen (normative Texte);
3) Abrechnungen städtischer Ämter und Behörden in verkürzter Form (protokollarische Zweitüberlieferungen).

 

Im Rahmen des Digitalisierungsvorhabens BOhisto wurde das Stadtbuch vollständig digitalisiert:  Hs. 140 - Stadtbuch


Literatur:

  • Johannes ANDRESEN, Die politische Führungsschicht der Stadt Bozen im 16. Jahrhundert, ungedr. Magisterarbeit, Univ. Bonn 1995.
  • Gerhard DILCHER, Bürgerrecht und Stadtverfassung im europäischen Mittelalter, Köln/Weimar/Wien 1996.
  • Eberhard ISENMANN, Die deutsche Stadt im Spätmittelalter 1150-1500. Stadtgestalt, Recht, Verfassung, Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft, Wien/Köln/Weimar 2012.
  • Christian MEIER (Hg.), Die okzidentale Stadt nach Max Weber (Historische Zeitschrift. Beihefte 17), München 1994.
  • Hannes OBERMAIR, "Item es ist durch ratt furgenomen". Ein unbekanntes Bruchstück des ältesten Bozner Ratsprotokolls von 1469, in: Der Schlern 71 (1997), 293-298.
  • Hannes OBERMAIR, Das Bozner Stadtbuch. Handschrift 140 - das Amts- und Privilegienbuch der Stadt Bozen, in: Bozen von den Grafen von Tirol bis zu den Habsburgern/Bolzano fra i Tirolo e gli Asburgo. Beiträge der internationalen Studientagung, Bozen, Schloß Maretsch, 16.-18. Oktober 1996, hg. vom Stadtarchiv Bozen (Studi di storia cittadina/Forschungen zur Bozner Stadtgeschichte 1), Bozen 1999, 399-432.
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