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Restaurierungen im Trentino: Die "Stua de la famea" im Schloss Buonconsiglio

Nicolò Rasmo hat in der ganzen Region viele Restaurierungen angebahnt und geleitet. Unter dem allgemeinen Begriff „Restaurierung” sind Arbeiten zu verstehen, die von kleinen Maßnahmen zur Erhaltung eines Kunstwerks – wie die Wiederherstellung der durch Firnis veränderten Farben bei Leinwandgemälden – bis zu heiklen, höchsten Einsatz erforderlichen Rekonstruktionen von Baulichkeiten reichen und, da sie bisweilen radikale Veränderungen der bestehenden Strukturen mit sich bringen, leicht zu Kritiken und Polemiken Anlass geben.

Ein geradezu emblematischer Fall ist in diesem Sinn die Restaurierung der „Stua de la famea” im Schloss Buonconsiglio, die ursprünglich als Speisezimmer der „Familie”, das heißt des Gefolges, des Kardinals Bernhard von Cles gedient hatte.

Der Raum wurde zwischen 1531 und 1532 vom illustren Maler Dosso Dossi, den der Trentiner Fürstbischof sich beim Herzog von Ferrara, Alfonso I. d’Este, „ausgeliehen” hatte, und unter Mitwirkung dessen Bruders Battista ausgemalt. In der Mitte des Gewölbes ist das riesige Cles’sche Emblem mit den sieben Ruten zu sehen, während sich in den Zwickeln vierzehn vorgetäuschte antike Marmorstatuen befinden, die als archäologische Fundstücke wiedergegeben sind. In ihrer stark plastischen Wirkung kontrastieren sie mit dem koloristischen Hintergrund der Lünetten, auf denen die schönsten Äsopschen Fabeln dargestellt worden sind.

Zu einer unbestimmten Zeit nach der im Jahr 1803 erfolgten Aufhebung des Fürstbistums wurden die Wände und das Gewölbe übertüncht. Der Raum diente als Sitz des Militärgerichtshofs, und am 12. Juli 1916 wurden Cesare Battisti und Fabio Filzi hier zu Tode verurteilt und anschließend im Schlossgraben hingerichtet.

Giuseppe Gerola, der erste Konservator des dem Königreich Italien angeschlossenen Trentino, dachte nicht an eine vollständige Wiederherstellung der Fresken, sondern beschränkte sich darauf, eine einzige Lünette aufzudecken (1934).

Dreißig Jahre später ließ Nicolò Rasmo die Tünche vom gesamten Malereizyklus entfernen (1964). 1969 ließ er anhand der Bauunterlagen auch eine neue hölzerne Verkleidung anfertigen, um dem Raum die Atmosphäre einer von einem Kachelofen beheizten Stube zu geben. Im Zuge dieser Arbeiten wurden das Podium zerteilt, die Hälfte des Fußbodens und die Sitzbänke entfernt und die Bänke der zwei Verurteilten wie auch des Gerichts versetzt.

Diese Maßnahmen erregten jedoch erhebliche Missstimmung, auch weil die Eingriffe sich mit der lebhaften Debatte um den Standort des Risorgimento-Museums verflochten. Rasmo wollte das Museum in die sogenannten „Marangonerie” verlegen, während es seinen Sitz seit 1921 in mehreren Räumen des Schlosses hatte, darunter gerade in der „Stua de la famea” - was zu Sicherheitsproblemen führte und allgemeine Verwirrung bewirkte.

Die Polemiken wurden immer hitziger, bis sie schließlich im Parlament landeten: Rasmos Gegner sprachen von der Zerstörung eines grundlegenden Zeugnissens der italienischen Geschichte, Rasmo selbst dagegen verwies auf die Bedeutung des ans Tageslicht gebrachten Freskenzyklus des 16. Jahrhunderts.

Schließlich traf das Ministerium seine Entscheidung und gab Rasmo den Befehl, den Gerichtssaal in seinem ursprünglichen Zustand wiederherzustellen und ihn mit der originalen Einrichtung zu versehen.

Doch die Debatte nahm kein Ende. Rasmo seinerseits zögerte die Anwendung der Verfügung aus Mangel an eigens hierfür bestimmten Geldmitteln hinaus, wohl auch in der Hoffnung, dass die Polemiken sich mit der Zeit beruhigen und die Öffentlichkeit sich an den damaligen Zustand gewöhnen würde.
Dieser Zustand dauerte bis zum Jahr 1974 an, als Rasmo - nach dem Übergang der Zuständigkeiten auf dem Bereich des Denkmalschutzes vom Staat auf die autonome Provinz Trient - das Denkmalamt verließ.

Zwei Jahre später wurde der Gerichtssaal im Schloss Buonconsiglio wieder mit der ursprünglichen Einrichtung versehen, die dann 2002 erneut entfernt wurde.
Diese Vorgänge sollen zeigen, dass es sich bei einer Restaurierung nicht nur um eine rein technische Maßnahme handelt, sondern dass sie in Wirklichkeit auf das Engste mit der Gesellschaft, der Geschichte, den Geschehnissen und dem jeweiligen Klima verknüpft ist - was dazu führt, dass sie sehr unterschiedliche, ja bisweilen eindeutig antithetische Wertungen und Urteile hervorrufen kann.

Die von Dosso Dossi in der „Stua de la famea” geschaffenen Fresken sind im Jahr 2004 erneut restauriert worden. Auf Initiative des Landesdenkmalamts in Trient wurden dabei die Malereien gereinigt, da sie dunkel und an vielen Stellen unleserlich wirkten und ihnen die für diesen Künstler typische lebhafte Farbgebung kaum noch anzumerken war.

Bei dieser Gelegenheit sind neue Details ans Tageslicht gekommen, die von außergewöhnlicher farblicher Frische und unerschöpflichem Einfallsreichtum zeugen: Sie bekräftigen die Bedeutung dieses Malereizyklus und zeigen uns, dass Rasmos couragiertes Engagement nicht vergeblich war.

Zitat

Bauten und Kunstwerke haben eine äußerst empfindliche Haut, die es zu erhalten gilt - eine Haut, die die Strukturen bedeckt und schützt und auf sich die Spuren der jahrhundertelangen Geschehnisse trägt, denen die Bauten ausgesetzt waren. Bei einem Gemälde wird diese Haut von dem Firnis gebildet, der allzu oft entfernt und erneuert wird; bei einer Plastik von der Farbe, die erhalten werden oder - sofern sie verdeckt ist - ans Tageslicht gebracht werden muss; bei einer Steinmetzarbeit besteht diese Haut - mag es sich um eine Plastik, einen architektonischen Fries oder einen Wandschmuck handeln - aus der Oberfläche, die die Spuren des Steinmetzen trägt und somit einen autografischen Charakter hat, der uns über Jahrhunderte hinweg überliefert worden ist und den wir weder entfernen noch beeinträchtigen dürfen, nicht mit zu intensiven Reinigungen, vor allem aber nicht durch das Abschaben der Oberfläche. Denn ein Stein, dem die Spuren der Schöpfung genommen werden, ist kein Kunstwerk mehr, sondern wird wieder zu einem geologischen Element, dem nicht der Künstler oder Handwerker der Vergangenheit seinen heutigen Aspekt verliehen hat, sondern derjenige, der mit Krönel und Meißel daran gegangen ist, willkürlich die originale Haut des Kunstwerks zu entfernen. [...]
Wir sind daher eher gegen gewisse Freskenablösungen, die einer heutigen Mode entsprechen oder dem Wunsch, ein unbewegliches Kunstwerk, das als solches zum Bauwerk gehört, in etwas zu verwandeln, was von Natur aus kein Gemälde auf Leinwand war, das je nach Laune verschoben wird und - wie es heute leider üblich ist - seine Irrfahrten durch oft unbedeutende Kunstausstellungen beginnt, die für die ausgestellten Objekte immer mehr oder weniger schädlich sind.

Aus: Editoriale / Leitartikel. La pelle, in: Cultura Atesina - Kultur des Etschlandes 1958

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